3000 Kilometer zu Fuß

Es sind nur noch 11 Kilometer bis ich sagen kann, dass ich schon 3000 Kilometer „erwandert“ habe.

Die Sonne steht an ihrem höchsten Punkt. Ein Adler, der mir schon seit Stunden folgt, gleitet anmutig in der Luft.

In Tunesien habe ich vor ein paar Jahren eine Familie kennengelernt, die seit Generationen Adler und Falken züchtet. Sie tragen Kappen auf ihre kleinen gefiederten Köpfe. Zweimal am Tag werden die Greifvögel freigelassen. Der Gedanke, dass die Vögel jedes Mal wieder zurückfliegen, lässt mich nicht los.

Ich laufe eine endlose lange Landstraße irgendwo auf Kreta entlang. Rechts und links von mir breiten sich die Berge aus. Von meinem Standpunkt aus kann ich das Ida-Gebirge am Horizont erkennen. Eines der größten Gebirgsmassive auf Kreta. In einer Grotte im Ida-Gebirge soll Zeus geboren worden sein.

Vor mir läuft eine Herde Schafe davon. Wie schon zum sechsten Mal heute, hält ein Autofahrer an und fragt, ob er mich in die nächste Stadt - sofern man diese Orte hier als Städte bezeichnen kann - mitnehmen soll. Und wie die letzten fünf Anhalter, versucht er mich von meinem Vorhaben, zurück nach Palaiokastro zu laufen, abzuhalten.

„Eine Frage: warum machst du das?“

Gute Frage, denke ich. Wieso mache ich das? Wochenlang, ohne ein Ziel, durch die Welt laufen, nur um am Ende des Tages ausgepowert und mit Schmerzen ins Bett zu fallen. Vielleicht bin ich ein Masochist und viele halten mich für verrückt, wenn ich gestehe, dass ich es liebe und mich irgendwie erfüllt und befriedigt fühle über meine Grenzen hinaus zu laufen. Tatsächlich gab es schon Momente, in denen ich heulend irgendwo in der Fremde saß und mich verflucht habe, dass ich nach 25 Kilometer nicht aufgehört habe und mir weitere 17 Kilometer zugemutet habe.

In Boulaur bin ich einmal einer kleinen Gruppe von Zisterzienser-Nonnen begegnet, als ich heulend unter einem Baum saß. Eine der Nonnen - eine Novizin - gesellte sich zu mir, während die anderen weitergingen. Sie begrüßte mich und es dauerte nicht lange bis wir tief ein Gespräch verwickelt waren. Als ich mich aufraffen wollte um weiterzugehen, nahm die Novizin meine Hand und küsste mich auf den Mund. Ich wich zurück und sah sie nur fragend und verwirrt an.

„Ich bin bald eine Braut Christis", sagte sie.

Ich schwieg.

„Ich habe dir Kraft gegeben“, redete die Novizin weiter.

Alles klar, dachte ich nur und: „Gott sei mit dir!“, erwiderte ich nur. Ich setzte mir schnell meinen grünen Rucksack auf. Tatsächlich konnte ich viel schneller gehen. Ich kann versichern, dass es wirklich an dem Kuss der Nonne lag. Wer wusste schon, wie viele Novizen hinter den Bäumen lauerten und mir auch „Kraft“ schenken wollten.

 

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, wieso ich mir das antue“, antworte ich dem Autofahrer. „Vielleicht finde ich es heute heraus.“ Ich laufe weiter die Straße entlang. Der Adler fliegt jetzt tiefer. Zwei Kilometer weiter treffe ich auf eine Herde Ziegen, die mir den Weg versperren. Die ganze Straße steht voll mit kackenden Ziegen und einen lustvollen Bock, der sämtliche Ziegen besteigt. Etwas abseits von der Fahrbahn, klettere ich ein Stück auf den Berg und setze mich unter dem einzigen Baum weit und breit. Der rammelnde Bock hat jetzt auch mich entdeckt.

Was hat er vor? Will er mich auf seine Hörner spießen? Hat er es auf meinen Marmorkuchen abgesehen?

Ich werfe ihn ein Stück hin. Er schnuppert dran, schüttelt den Kopf und springt wieder auf eine seiner Ziegen.

Eine weiße Ziege steht vor, kaut kurz auf den Marmorkuchen herum und spuckt ihn aus.

 

Das friedliche Treiben der Tiere zieht mich in den Bann. Ich sitze fast eine Stunde unter dem Baum. Der Adler ist immer noch am Himmel. Irgendwie weiß ich, dass er auf mich wartet. Ich ziehe weiter. Der Adler auch.

Das Klima auf Kreta ist im September sehr abwechslungsreich. Am Wasser ist es angenehm warm, während hier auf den Bergen von einer auf die andere Minute ein Sturm aufkommen kann. Auf meiner letzten Tour im Jiouchtas-Gebirge war der Wind so stark, dass ich nicht laufen konnte. Bisher hat es in den fünf Wochen, die ich schon auf Kreta bin, nur einmal geregnet. Meistens ist der Himmel von Horizont zu Horizont blau. Nach Wochen auf der Insel wird es irgendwann langweilig, nur einen blauen Himmel zu sehen. Aber der Sternenhimmel ist atemberaubend. Außerhalb der großen Orte, kann man das Band der Milchstraße im sternreichen Himmel deutlich sehen. Mehrere Tausend Sterne sind mit dem bloßen Auge zu beobachten. Ein faszinierendes Naturschauspiel, das man nicht immer zu sehen bekommt.

 

Das letzte Mal habe ich es beim Wandern im Taunus erlebt, als ich an einer Lichtung auf Neuzeitdruiden stieß. Die hatten keine Gewänder oder Ähnliches an; ganz normale Alltagskleidung. Sie standen in einem selbsterrichteten Steinkreis und haben gesungen. Nicht so schön wie die Druiden, die ich in Irland gesehen habe. Um ehrlich zu sein, haben mir die Ohren geklingelt. Aber sie waren freundlich zu mir, deshalb haben mir die schiefen Töne gefallen.

Mit Tee und philosophischem Gerede warteten die Gruppe und ich auf den Nachthimmel. Kein einziges Licht brannte. Hohe Tannen und nackte Bäume ragten hoch in den Himmel. Um 20 Uhr war alles schwarz. Ein Panorama voller Sterne breitete sich vor uns aus. Man muss es selbst gesehen und erlebt haben. Keine Erzählung und kein Foto können im Entferntesten beschreiben, wie es sich anfühlt, so viele Sterne mitten im Wald auf einem Berg zu beobachten.

Die 3000 Kilometer habe ich nicht auf den Bergen bei den Ziegen geknackt, sondern ich knacke sie gerade auf der E75, die Schnellstraße auf Nordkreta. Viele Autofahrer hupen und winken mir zu.

Ausgerechnet jetzt kommt dieser Punkt, an dem ich mich mal wieder hasse, weil ich schon 21 Kilometer gelaufen und davon knapp 3 Kilometer geklettert bin. Meine rechter Schulter schmerzt höllisch, weil ich beim Klettern vorhin abgerutscht bin. Mein linker Oberschenkel krampft.

 

„Ich hasse mich, ich bin ein totaler Versager…“, fange ich an zu singen. Währenddessen werden die Autos langsamer und stehen dann ganz. Ich grinse. Wieder gutgelaunt wandere ich an all die Autos vorbei. Ich schaue sie an und sie schauen mich an. Ein paar filmen den Stau. Und mich. Die meisten nehmen den Stau gelassen.

Nach vier Kilometern versperren mir Feuerwehrmänner und Polizisten kurz den Weg. Ein komplett ausgebranntes Auto zerstört die entspannte Atmosphäre. Einer der Feuerwehrmänner erlaubt es mir mit „Be careful, be careful“ - das „R“ schön gerollt - an die Unfallstelle vorbei zu marschieren. Die Straße ist nass und noch weiß vom Löschschaum. Vielleicht haben es die Insassen rechtzeitig aus dem Auto geschafft, vielleicht auch nicht. Ich suche nach dem Adler. Er ist weg. Irgendwie fühle ich mich leer. Ich hole mein Handy aus der Tasche und mache laut Musik an.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0