Durch 36 Länder gereist

Russische Mafia, mörderische Busfahrt und Seelenheilung im Kloster


„Alleine durch Frankreich wandern? Ist das nicht gefährlich?”, hatte mich ein Mann in der Nähe der französischen Grenze gefragt. Zwischen seinen beiden Fragen hustete er erbärmlich und sog dann kräftig an seiner gedrehten Zigarette. Solche Fragen bekomme ich häufig zu hören. Und ob ich nicht Angst hätte, krank und überfallen zu werden und vieles mehr. Natürlich kann viel passieren: Überfälle, Unfälle und Krankheiten. Ich wurde schon beklaut, hatte Malaria, musste in einem Benediktinerkloster übernachten und war schon der Wildnis ausgeliefert. Aber Zuhause kann genau so viel passieren.

Aber ich habe alles überstanden. Wenn ich heute darüber nachdenke, lächle ich und bin tatsächlich stolz, dass mir das Reisen immer noch Spaß macht. Meine erste Übernachtung im Kloster hat mir so sehr gefallen, dass ich hin und wieder einige Tage in einem Kloster verbringe. Ein Priester hatte mich fest an sich gedrückt, als ich ihm erzählte, dass ich Moslem sei und dabei bin den Jakobsweg zu pilgern. „Das hat man nicht sehr oft. In meiner Kirchenlaufbahn das erste Mal.” Ich sah kurz in seine feuchten Augen. Sie strahlten so viel Herzlichkeit und Gottvertrauen aus, so dass ich ihm alles erzählte, was mir auf der Seele lag. Ich redete eine ganze Stunde am Stück. 

 

Gelehrte und muslimische Glaubensgenossen sind mir keine Hilfe. Beschimpfungen und Verurteilungen waren die Antworten auf meine Fragen. Der Priester hatte nur dagesessen und mir zugehört. Ich spürte, wie er jedes einzelne Wort von mir aufsog und verarbeitete. Mit den Worten: „Bitte verurteilen Sie mich nicht”, hatte ich meinen Monolog beendet. „Das tue ich nicht. Ganz im Gegenteil, ich bewundere sie. In jeder Sache, die wir machen, hat Gott sich etwas dabei gedacht. Gott liebt seine Kinder.“

Jedes Land und jeder Ort hat seinen Zauber und seine Macken. Würde man als Reisender nur die „schönen“ Dinge erleben, würde man jedes Abenteuer ohne Respekt entgegentreten.

Ich persönlich bevorzuge schnelle Anreisen. Aber als Student fehlt einem oft das Geld für ein gemütliches Taxi, so dass man sich mit einem Sammelbus oder einem klapprigen Reisebus abfinden muss. Meine schlimmste Busfahrt war in Algerien. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich im fahrenden Ritter von Harry Potter gewesen. Für alle, die Harry Potter kennen, wissen was ich meine. Der Busfahrer ist wie ein Irrer gefahren. Selbst bei scharfen Kurven auf winziger Fahrfläche, hat er keinen Halt gemacht. Ich habe nur die Schlucht unter mir gesehen. Meine Mitreisenden saßen aufrecht in ihren Sitzen und beteten. Als ich den Fahrer fragte, ob er langsamer fahren könne, hatte der alte Mann mich hinter seiner dicken Hornbrille angeblickt und gesagt: „Mein Kind, es ist Nachts und ich will die Fahrt so schnell wie möglich hinter mich bringen, weil ich im Dunkeln nicht so gut sehen kann.“ Verdutzt starrte ich ihn und sprach ein letztes Gebet. Es ist ein Wunder, dass ich hier sitze und von meinen Reisen berichten kann.

In Sankt Petersburg wurden meine Oma und ich von einer Mafia verfolgt. Dazu werde ich noch einen ausführlichen Bericht schreiben. Einige meiner Reiseberichte wurden in Magazinen und Zeitungen abgedruckt. Hauptsächlich schreibe ich für die „Islamische Zeitung“. Manchmal berichte ich in kleine Buchhandlungen, Universitäten und Cafés. Auch da werden mir Fragen gestellt, wie „Haben Sie denn keine Angst, nach allem, was Ihnen passiert ist?“ Natürlich, hat man Angst. Aber nicht die Angst, dass man sich die Hose vollmacht, sondern eher respektvolle Angst. Und genau diese Form der Angst verleitet dazu, mich in das nächste Abenteuer zu stürzen.

Das Risiko, ein Opfer von Terrorismus oder Naturkatastrophen zu werden, schätze ich als gering ein. Auch wenn ich während des algerischen Bürgerkrieges und Arabischen Frühlings einige Dinge gesehen habe, die ich hätte lieber nicht sehen wollen. So ist das Leben und so ist die Welt. Auch wenn wir vieles nicht sehen wollen, ist es dennoch da und kann jeden von uns treffen. Ob es jetzt im eigenen Zuhause ist, draußen auf der Straße oder in der Fremde.

Oder wie der Autor Ray Bradbury sagte: „Fahre in die Welt hinaus. Sie ist fantastischer als jeder Traum.“

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