Wodka zum Frühstück und Mafia zum Mittag

Es ist 6 Uhr morgens in Sankt Petersburg. Ich hänge mit dem Kopf tief über meinen Kaffee. Meine Ellenbogen am Tisch abgestützt, rutschen immer weiter auseinander.

„Emma“, ermahnt mich meine Oma.

„Hm?“

„Gleich verbrühst du dir deine Nase.“

Ich nicke fast schlafend und rutsche mit meinem Kinn von meinen Händen in die Tasse. Leise fluchend wische ich mir Nase und Mund ab.

„Das war meine Serviette.“ Meine Oma schaut mich eindringlich an.

„Ich hole dir eine neue Serviette.“

„Brauchst du nicht. Ich habe schon aufgegessen.“

Ich verdrehe die Augen. Wenn sie doch keine Serviette mehr braucht, wieso weist sie mich daraufhin, dass es ihre Serviette ist, die ich gerade in meiner Hand zerknülle?

Die große Frühstückshalle im Hotel ist so gut wie voll. Klirren von Tellern und Tassen, lautes Gerede über die und das.

Im Gegensatz zu meiner Oma hat der Hotelmitarbeiter am Eingang für mich und meiner Müdigkeit Verständnis gezeigt. Mitfühlend sah er mich an. „Hier. Das macht dich wach“, hat er auf Englisch gesagt und mir ein Schnapsglas in die Hand gedrückt. „Ich trinke nicht.“

„It’s just a pick-me-up.“ Und bestätigte seine Worte mit einem kräftigen Nicken.

Bevor ich noch etwas erwidern konnte, kam eine Frau aus der Reisegruppe und hat mir das Glas aus der Hand genommen. „Das brauche ich jetzt.“ Trank es in einem Schluck aus und drückte mir das Gläschen zurück in die Hand. „Danke, Mädchen. Nüchtern vertrage ich den Großteil dieser Gruppe nicht. Es ist erst der zweite Tag.“

„Klar.“

Der Mann an der Tür hat gelacht. „So macht man das.“

„Kaffee oder so?“, fragte ich gähnend.

Mit einem Arm stützte er sich auf meine Schulter und zeigte mit der anderen Hand auf einen Tisch direkt neben der Küche. „Da vorne.“

Ich nickte.

„Falls du doch einen anderen Wachmacher haben möchtest…“ Und deutete auf den Tisch vor mir mit den Hundert gefüllten Schnapsgläsern.

„Klar.“

 

Ich sitze an einem der vollbesetzten Tische und puste den Dampf meines Kaffees weg. Mein Blick wandert automatisch zum Hotelmenschen und seinem Tisch. Ich betrachte mein schwarzes Wasser in der Tasche.

„Dein Kaffee ist ja schon eisigkalt“, sagt meine Oma in einem scharfen Ton.

„Der kocht noch fast“, gebe ich gelassen zurück.

„Wir müssen aber los.“

Ich stehe auf und lasse ihn mir in einem Pappbecher mit Deckel umfüllen.

Kurz bevor ich aus der Halle gehe, sieht der Hotelmensch abwechselnd auf mich und die Reisegruppe. „Du solltest dir wirklich eine Flasche Wodka mitnehmen."

„Ja, das denke ich auch."

 

Mit der Reisegruppe, in der wirklich nur Senioren ab 60 aufwärts sind, fahren wir nach Puschkin zum Katharinenpalast. In dieser halben Stunde Busfahrt erzählt die Reiseleiterin stolz von der Geschichte Russlands und der Kleinstadt Puschkin, die nach einem russischen Nationaldichter benannt wurde.

„Das weiß ich schon alles“, sagt eine Frau vor uns schon das fünfte Mal. „Warum reisen Sie dann in einer Gruppe, wenn Sie das alles wissen?“, fragt der Mann neben ihr. „Jetzt muss ich mir von Ihnen vorschreiben lassen, wohin ich reise, oder wie kann ich das verstehen?“ Es gibt nichts Schlimmeres als hysterische Frauen am Morgen.

 

Der Mann sagt noch etwas, aber ich schalte ab und schaue aus dem fahrenden Bus. Eine Landschaft aus Kohl und Karotten-Feldern erstreckt sich vor mir. Meine Oma und alle anderen fotografieren was das Zeug hält. Ich schlürfe an meinem Kaffee, der jetzt lauwarm ist.

Am Palast angekommen müssen wir zwei Stunden lang anstehen, bis wir das prunkvolle Schloss betreten dürfen. Viel Stuck, Blattgold und Dinge, die man nicht Berühren darf.

Schon traurig, dass alte Menschen auf der Straße und an Kirchen betteln müssen, während Millionen ausgegeben werden, um solche Attraktionen in Stand zu halten. Wir gehen von ein Zimmer ins nächste. Alles Durchgangsräume. Im Bernsteinzimmer wird uns ausdrücklich das Fotografieren untersagt.

„Mach schnell ein Bild“, flüstert mir die Freundin meiner Oma zu. Ich grinse und schaffe es irgendwie das halbe Zimmer mit 100 Köpfen auf ein Bild zu bringen.

„Katharina die Große ist die einzige Regentin, die den Beinamen „die Große“ erhalten hat“, erzählt die Reiseleiterin. „Neben ihrem Gatten hatte sie noch unzählige Liebhaber.“

Ich melde mich. „Ist es wahr oder nur ein Mythos, dass Katharina die Große“, die letzten zwei Worte hebe ich hervor, „Sex mit Pferden hatte?“ Alle, wirklich alle drehen sich um. Mit groß aufgerissenen Augen starren sie mich. Ich muss mich anstrengen nicht lauthals los zu lachen. Ich bleibe ernst. Oder versuche es zumindest.

Stille.

„Nun“, sagt die Russin. „Das können wir nicht genau sagen. Es gibt viele Legenden um Zarin Katharina. Vielleicht sah einer ihrer Liebhaber aus wie ein Pferd, und deshalb werden, unter anderem, solche Geschichten verbreitet.“

„Natürlich. Wieso bin ich nicht darauf gekommen?!“ Und jetzt muss ich grinsen. So kann man es sich auch einreden. Katharina die Große und das Pferd. Ich lache in mich hinein.

Die Reiseleitung sieht mich ernst an und sagt: „Gehen wir in den nächsten Raum.“ Ohne mich aus den Augen zu lassen.

Die Führung durch den Palast ist kürzer als ich erwartet habe. Gegen 13 Uhr sind wir wieder am Hotel. 

Ich habe irgendwann mal gelesen, dass die Metro in Sankt Petersburg zu den tiefstgebauten Metrosystemen der Welt gehören soll. Der Grund dafür ist die extreme Instabilität des Untergrundes. Das Newa-Delta ist ziemlich tief vermoort. Unter dem Moor befinden sich undurchdringbare Tonsteine, weshalb sich die Metro knapp 75 Meter unter der Erde fortbewegt.

Auf der Rolltreppe stehen wir sage und schreibe über drei Minuten lang. Menschen laufen runter, andere halten ihre Taschen fest umklammert, um sich vor geschickte Diebe zu schützen.

„Sind euch auch die zwei Typen da aufgefallen, als wir die Münzen gekauft haben?“, fragt die Freundin leise. Ich nicke. „Die sind harmlos“, erwidert meine Oma.

Unten angekommen, fährt auch schon die Metro direkt rein. Während wir einsteigen, werden wir geschubst und bedrängt. Ein Mann schreit laut auf und rutscht mit dem Bein zwischen die Bahn und den Bahnsteig. Ich greife reflexartig nach meiner Kamera. In dem Moment fällt eine korpulente Frau auf mich. Ich danke Gott dafür, dass ich mein Objektiv am Vorabend von der Kamera abgeschraubt und 50 Euro in eine gepolsterte Kameratasche investiert habe.

Die zwei Männer sind doch nicht so harmlos. Sie haben versucht das Portemonnaie eines Mannes aus der Hosentasche zu ziehen.

Der Trubel legt sich so schnell wie er gekommen war. Das allerdings ist erst der Anfang.

Wir steigen drei Stationen weiter aus. Eine Frau, Bulgarin oder Rumänin, spricht uns an. Meine Oma will auf sie eingehen, aber ich ziehe sie weg und sage, dass wir keine Zeit haben.

 

„Die hat uns fotografiert.“ Meine Omas Freundin wollte ihr gerade hinterherlaufen, als ihr Mann sie zurückhält.

„Das ist zu gefährlich“, sagt er. Ich stimme ihm zu.

Wir spazieren an der Hauptstraße entlang. Es dauert keine 10 Minuten, als wir unter einem Gewölbe einen Mann entdecken, der unauffällig versucht ein Foto von uns zu schießen. So etwas Lachhaftes habe ich noch nie auf irgendeiner Reise erlebt.

Ok, ich habe schon Heiratsanträge von wildfremden Menschen bekommen, bin vor einem Taxifahrer geflüchtet, weil ich vergessen hatte Geld abzuheben und habe schon eine Nonne geküsst. Aber das hier, ist eine ganz andere Dimension. Diese Menschen wollen uns wirklich ausrauben. Vielleicht wollen die uns K.O. schlagen, um Lösegeld zu bekommen? Oder meine Kamera?

Die bitte nicht, denke ich. Mein Handy ist wie immer kaputt und kann keine Bilder machen.

„Da ist noch einer,“ sagt meine Oma. So geht das die nächsten zwei Kilometer, bis wir auf eine schmale Treppe stoßen, die zu einer Pizzeria führt, in der meine Oma und ihre Freundin aufs Klo gehen.

Ich warte draußen.

 

Ein älterer Mann mit einem weißen Hemd und einer gestreiften Hose starrt mich ein, und läuft ebenfalls in die Pizzeria. Zwei weitere Männer folgen ihm.

Zehn Minuten später kommt der alte Mann mit einem Stück Brot wieder raus. Neben „verdammt, ist diese gestreifte Hose hässlich“, überlege ich, wie wir diesen Mafia-Clan loswerden können. Da die Gegend nur von Menschen wimmelt und gleich der Gottesdienst anfängt, könnten wir uns unter die Menschenmenge mischen und mit in die Kirche gehen, die wir uns vorher angesehen haben. Die hat zwei Eingänge, erinnere ich mich. Einen kleinen Seiteneingang und der eigentliche Haupteingang.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen meine Mitreisenden aus der Pizzeria. Ich erzähle ihnen von meinem Plan.

 

Der Priester singt Gebete und hält eine Predigt auf russisch. Die zwei Freunde meiner Oma schauen sich nach unseren Verfolgern um. Meine Oma fotografiert mit Blitz. Ich sitze da und tue so, als würde ich die Messe verstehen. Dann singt er wieder. Er hat eine schöne melodische Stimme. Kerzenlicht durchflutete die Kirche. Eine Gänsehaut überkommt mich. Und dann ist dieser schöne Augenblick auch schon vorbei. Der Priester beendet den Gottesdienst. 

Wir stehen auf und laufen zum Seiteneingang. An der kleinen Straße neben der Kirche steht ein Taxi, das uns zur Metrostation fährt. Auf der Hauptstraße fahren wir an dem Haupteingang, der Kirche vorbei. Ich lache und zeige auf die drei Typen, die auf dem Vorplatz stehen und auf uns vergeblich warten. Wir klopfen wie Idioten an die Autoscheibe, bis sie uns sehen und strecken die Zungen aus. Einer klatscht sich mit der flachen Hand an die Stirn, die anderen beiden sogen verärgert an Zigaretten.

 

Im Hotel kommen wir noch rechtzeitig zum Abendessen an. Meine Oma und ihre zwei Freunde bedienen sich am Tisch mit dem Wodka.

An der Tür steht wieder der Mitarbeiter von heute Morgen. Ich erzähle ihm kurz was passiert war.

Er grinst breit. „Ein Gläschen um den Tag zu vergessen?“

 „Wenn, dann eine ganze Flasche“, antworte ich. „Um den Erfolg zu feiern.“

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