Kurzer Einblick: Mönche in den schottischen Highlands und ich (1)

Teil 1 über meine Zeit im Pluscarden Abbey

Jedes Land hat seinen speziellen Geruch. Nach jetzt 37 Ländern bin ich da schon fast ein Experte, was das betrifft. Algerien riecht nach Benzin, Eis und Gewürzen. Frankreich hat einen altbackenden Duft, den ich nicht wirklich beschreiben kann. Und Schottland trägt einen sehr merkwürdigen Duft: Essig, Kleber und Käse. Ich muss über diesen Geruch schmunzeln, während ich in Edinburgh, auch Dùn Èideann genannt, aus dem Flughafen trete.

Ich habe nicht viel Zeit und ziehe mir am Fahrkartenautomaten schnell ein Ticket für die Tram nach Haymarket. Von Haymarket fahre ich mit dem Zug nach Aberdeen und von dort aus in die Kleinstadt Elgin. Elgin ist nicht mein Ziel, sondern das 12 Kilometer entfernte Benediktiner-Kloster, das von dem schottischen König Alexander II. um 1230 gegründet wurde. Pluscarden Abbey liegt in einem der vielen Schluchten oder „Gleanns“ in den schottischen Highlands.

Von Elgin aus möchte ich die Pilgerroute zum Kloster wandern. Allerdings ist es 17 Uhr, wenn ich in Elgin ankomme, also Sonnenuntergang. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr kommen in mir Zweifel auf, die 12 Kilometer im Dunkeln zu laufen.

Mein Buch liegt vor mir auf dem Tisch. Fasziniert von der Aussicht, komme ich nicht zum Lesen. Der Zug fährt über Brücken aus Edinburgh raus. Steinige Klippen und große Wiesenfelder erstrecken sich vor mir. Die Nordsee schlägt große Wellen, die an Felsen klatschen, in Millionen Tropfen schäumend gebrochen werden und dann wieder ins dunkle Wasser fallen. Dieser Kontrast zwischen Meer und Wald beflügelt mich. Ich bin an der Nordsee geboren, habe einen wichtigen Teil meines Lebens dort verbracht und fahre des Öfteren dort hin. Dann die Wälder und die endlosen Landschaften in denen ich meine Seele immer wieder baumeln lasse und alle Wege dort erwandere, die es zu erwandern gibt.

„Your ticket, please.“ Der Schaffner holt mich aus meinen Gedanken. Ich gebe es ihm zum entwerten, stattdessen kritzelt er mit einem Stift auf meinem Ticket herum. „What are you doing?“, frage ich entsetzt und starre auf die orangefarbene Karte, die er mir hinhält.

„I validated your ticket“, antwortet er leicht amüsierend. Ich schaue mir die Kritzelei auf meiner Fahrkarte an und bete, dass mein Ticket die Gültigkeit für den Anschlusszug nicht verloren hat.

In der Kleinstadt Elgin fahre ich in einem Taxi zum Pluscarden Abbey. Die Taxen stehen allerdings nicht am Bahnhof. Genervt von der sechsstündigen Zugfahrt, suche ich einen Schalter und frage nach einer Telefonnummer für ein Taxi. Nach einem Bus brauche ich gar nicht zu fragen, weil mir schon in den E-Mals mitgeteilt wurde, dass nur ein Taxi zum Kloster fährt. Super. 20 Pfund Sterling für eine Taxitour. Für das Zugticket der Scotrail habe ich 27 bezahlt. Für mein Flugticket nach Edinburgh nur 9,99 Euro.

Ich habe mir eine Nummer an dem einzigen Schalter an dem 2-Gleisen-Bahnhof besorgt. Der Taxifahrer, ein älter Mann mit einer Glatze und einem Bierbauch, hat wie viele andere Schotten einen Akzent, wenn Sie englisch sprechen, auch wenn sie selbst kein Gälisch reden können.

„Wenn du mit jemanden anstößt musst du Slàinte mhath! rufen“, sagt er lautlachend auf englisch. Ausgesprochen wird es: Slandje va. „Hou's it gaun? und Awrite! bedeuten: Wie geht's? und Hi.“

„Sprichst du gut Gälisch?“, frage ich ihn.

„Das sind die einzigen Floskeln die, die meisten hier können. Tiefer in den Highlands wird Gälisch vermehrt gesprochen. Durch die Engländer ist ein großer Teil der schottischen Tradition verloren gegangen. Aber ich bin dennoch ein Schotte. Durch und durch. Auch wenn ich kein gälisch spreche.“

Es ist sehr amüsant mit dem schottischen Taxifahrer. Wir lachen und erzählen uns viel.

Am Kloster angekommen, gehe ich in den Kreuzgang. Von dort aus komme ich in die Küche der Mönche, die Klosterkirche und dem Eingang in den privaten Bereich der Mönche. Ein Mann kommt aus der Klosterkirche und begrüßt mich flüsternd. Ich frage ihn wo ich Brother Thomas finde.

„Sie sind alle bei der Vesper. Komm mit.“ Er führt mich von der Kirche weg und bringt mich in den Vorraum der Klosterküche. Dort kommt ein Mönch in einer weißen Kutte und grau-schwarzem Haar auf mich zu. Ich spreche ihn mit Brother an. Er korrigiert mich ganz höflich und sagt, dass er ein Father ist. Wir quatschen über meine Herkunft bis auch der Rest aus der Kirche kommt.

Eine ältere Frau, die ebenfalls im Kloster gastiert, zeigt mir, wo das Gästehaus der Frauen ist. Es sind ca. 7 Minuten zu Fuß vom Kloster entfernt. Der Weg dorthin ist nicht beleuchtet, deshalb findet man auch an jeder Ecke Taschenlampen, die ohne Batterien funktionieren. Es ist so dunkel, dass man die eigene Hand vor Augen nicht sehen kann. Desto schöner ist aber der Himmel. Millionen von Sterne leuchten um die Wette, wie ein weißer Teppich, der sich über den Nachthimmel legt. 

„Wenn du nichts zu tun hast, dann schau dir einfach den Himmel in der Nacht an“, hat Father G. zuvor noch zu mir gesagt.

Der darauffolgende Tag fängt sehr früh für mich an. Um 4 Uhr morgens stehe ich auf, ziehe mich an und laufe zur Klosterkirche rüber, um an der Vigilmesse teilzunehmen. Da es noch nachts ist, laufe ich mit einer Taschenlampe den Weg hoch. Als ich in den Wald leuchte, blitzen zwei Augen auf.

„Scheiße“, flüstere ich und bereue es, in den Wald geleuchtet zu haben. Weit entfernt höre ich Wölfe heulen.

Das Kloster befindet sich weit auf dem Land. Wer schon in Schottland gewesen ist, weiß dass es hier überwiegend winzige Ortschaften gibt, in denen nur ein paar Häuser stehen und weit und breit nur Wald oder einfach nur ödes Land. Das Kloster und die Natur um das Kloster herum ist atemberaubend. Leise schleiche ich mich in die Kirche. Die Mönche kommen in zweier Reihen herein. Von jung bis alt ist alles dabei. Sanfte und hohe Töne durchfluten auf einmal die Kirche. Dann fallen immer mehr Mönche in das Gebet ein. 90 Minuten lang.

Um 06:15 ist schließlich die Laudes, also das Morgengebet. Natürlich sitzt kaum einer in der Kirche, bis auf die Mönche. Erst ab 09:00 Uhr zur Prim finden sich ca. 10 Menschen ein. Ich schaue nach oben zu dem großen Fenster, das ich zur Vigilmesse schon faszinierend angestarrt habe, während die Mönche beteten und aus der Nacht immer mehr der Tag wurde.

Wundervoll.

Licht ist alles.

Kurz nach der Messe treffe ich auf Brother Th. mit dem ich zuvor immer geschrieben habe. Er kommt ursprünglich aus Neuseeland. Ich schätze ihn auf 55 Jahre. Bis auf E-Mails haben wir sonst noch kein Wort miteinander gewechselt, dennoch sieht man ihm an, dass er ein sehr gütiger und freundlicher Mensch ist. In seiner Gegenwart fühle ich mich sehr wohl. Desto mehr freut es mich auch, als er einen Tag später von einer Frau, die wohl seit 50 Jahren, das Kloster besucht, eingeladen wird. Ich komme von meiner Erkundungstour, gehe in den Gemeinschaftsraum des Gästehauses, um mir einen Tee zu machen.

Brother Th. sitzt mit zwei anderen Frauen, beide quatschen sehr viel und sehr gern, im Gemeinschaftsraum. Er selbst bedient sich am Kuchen.

Mit einem Nicken grüße ich die Drei. „Brother Th. and the Ladies.“

Der Mönch bietet mir einen Platz an. Wir reden über dies und das. Mir fällt auf, dass sich der Mönch immer wieder ein kleines Stück Kuchen abschneidet und genüsslich isst. Ich frage ihn, ob er noch Kaffee oder Tee möchte.

„Einen Kaffee, bitte. Vielen Dank.“

Die Benediktiner-Mönche leben von dem, was Sie anbauen und ernten. Da Kuchen und andere Süßigkeiten nicht dazugehören, genießen sie jede Einladung, die sie erhalten.

Ja, und auch Mönche können Tratschen und plaudern aus dem Nähkästchen. „...Emma, wenn du sie hören würdest, du würdest dir die Hände über dem Kopf schlagen... Da hättest du wirklich dabei sein müssen. Du hättest dich kaputt gelacht... Wie heißen nochmal die Bereiche in Deutschland? Mecklen..."

"Bundesländer? Mecklenburg-Vorpommern?"

„Ja, genau. Das ist so schön mit so vielen Seen...“

So geht es fast zwei Stunden.

 

Nachdem Brother Th. geht, kommt auch schon Father G.. Er erzählt von seinem letzten Aufenthalt in Ghana. Als ich ihn frage, ob er in der nächsten Zeit wieder dort hinfliegen wird, schaut er mich an und antwortet mit seiner sehr tiefen und bassartigen Stimme: „Only the boss knows that!“ und zeigt mit dem Finger nach oben. Ich lache und er stimmt mit ein. Wir haben tatsächlich über eine Stunde geredet.

Ich bin es schließlich, die auf die Uhr zeigt. „In einer halben Stunde beginnt die Vesper.“

 

„Vielen Dank, Ladies für die Einladung. Es war sehr schön“, verabschiedet er sich. „Wir sehen uns gleich in der Messe.“

Tatsächlich sind auch junge Männer in den Zwanzigern unter den Mönchen. Mit schwarzen Kutten, das bedeutet sie sind noch Novizen. Ich finde es erstaunlich, dass es so junge Menschen gibt, die sich dem Kloster verschreiben wollen. Ich frage mich, was sie dazu bewegt. Eine Frau im Gästehaus kommt einmal im Jahr ins Pluscarden Abbey, um ihren Jugendfreund zu besuchen, der seit vielen Jahren Mönch ist. Sie erzählt mir, dass es sehr hart für sie und seine Familie war, aber im Laufe der Jahre hat man sich damit abgefunden. Die Polin ist 39 und Single. Sie redet viel über ihn. Je mehr sie über ihn redet und die Art wie sie ihn anschaut, desto mehr kommt in mir der Verdacht auf, dass für sie noch mehr als Freundschaft im Spiel ist.

„Er hat nicht sehr viel Zeit für mich, weil er zu den Gebeten zurück sein muss, deshalb waren wir nur Kaffee trinken.“

„Würdest du mehr Zeit mit ihm verbringen wollen?“, frage ich sie.

Sie schaut mich geistesabwesend an. „Ja.“

Ich beiße mir auf die Lippe und sage schließlich: „Ja.“

 

Später am Abend bin ich wieder im Gästehaus und esse mit den anderen Frauen. Wir sitzen zu viert am Tisch und reden über Sachen, die uns sehr bewegen, unsere Konfessionen und andere Dinge.

„Mir ist schon aufgefallen, dass du dich nicht bekreuzigst und dich nicht weihen lässt. Wie ist es mit den Gebeten?", fragt mich die Polin.

„Ich glaube nicht an die Trinität. Für mich ist Jesus der Prophet Gottes und Gott ist Gott. Er ist kein Vater, hat keinen Sohn oder eine Mutter. Deshalb höre ich bei Gloria Patri weg. Aber...“, ich hole das Heftchen hervor mit den Psalmen zum Morgengebet. „Lies dir mal die Psalmen durch. Es wird nur Gott gepriesen. Gott ist der Größte. Gott ist der Richter und so weiter. Daran glaube ich auch, deshalb ist es kein Vergehen, wenn ich dem zuhöre.“

Sie lächelt. „Das stimmt.“

Zum Abschluss eines jeden Gottesdienstes gibt es in den Gebetsheften noch zwei weitere Teile, die einmal mit „Für Christen" und „Für Gottgläubige“ gekennzeichnet sind. In dem einen Abschnitt wird die Trinität hervorgehoben und in dem anderen Abschnitt nur Gott, seine Barmherzigkeit und seine Schöpfung gepriesen.

 

Die meisten Farben zeigt die Natur im Herbst. Ich spaziere auf dem Klostergelände, beobachte ein paar Mönche bei ihrer Arbeit: Äpfel pflücken, Rasen mähen, Friedhof pflegen, Saft herstellen, Suppe kochen u.v.m. Es hat etwas friedliches und glückliches an sich. Ich kann mein Gefühl nicht mit Worten beschreiben, aber es ist schön und ich fühle tiefe Zufriedenheit in mir, während ich ihnen dabei zusehe, wie sie ihrer Arbeit nachgehen.

 

Brother Th. kommt auf mich zu. „Kannst du bitte nachschauen, ob bei euch in der Küche etwas fehlt? Milch, Brot, Porridge.“

So verlaufen auch die nächsten Tage. Man wird zu einem Teil dieser Community. Genau das sorgt dafür, dass sich jeder hier sehr wohl und willkommen fühlt...

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Kommentare: 1
  • #1

    Nessim R. (Dienstag, 06 November 2018 16:54)

    Richtig interessant und richtig schön geschrieben