7000 km auf Schienen: Mit dem Zug in die Arktis

Das ist meine Nichte und das bin ich an einer Bushaltestelle irgendwo in Stockholm.

Wir haben es tatsächlich gewagt mit dem Zug in die nördlichste Stadt Schwedens und weiter zu fahren. Besser gesagt, ich habe es gewagt mit meiner sechs Jahre alten Nichte 7000 Kilometer auf Schienen zu rollen. Ich bin bisher wesentlich mehr Vorurteilen begegnet, als Aufgeschlossenheit.

„Lass sie hier. Sie ist für eine Zugreise viel zu klein und mit dem Polarkreis kann sie erst recht nichts anfangen.“

„Es ist total egoistisch, dass du sie mitnimmst, nur um Schreibstoff zu bekommen.“

Das ist noch das Harmloseste, was ich zu hören bekommen habe. Eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern, ist fast schon unmöglich.

Die Reise in die Arktis sollte eigentlich ganz anders verlaufen: Recherche-Arbeit über die ersten Muslime in Nordeuropa. Meine Nichte bekam davon Wind und wollte unbedingt mit. Aus der eigentlichen Recherche wurden dann Spielabende in Zügen und Hotels. Von UNO mit meiner Nichte bis Poker mit Franzosen und Engländern.

Es gibt zwei Gründe, weshalb ich meine sechs Jahre alte Nichte mitgenommen habe.

1. Wollte sie zum Nordpol nach dem wir Briefe von Felix und seinem Abenteuer am Nordpol gelesen haben. An den Nordpol konnten wir jetzt nicht reisen, aber dafür zum Polarkreis.

2. Nicht nur Erwachsene brauchen hin und wieder einen Tapetenwechsel, sondern auch Kinder.

Der Mensch ist wie Wasser. Er stagniert, wenn er eine längere Zeit an einem Ort bleibt. Je mehr er sich bewegt und fließt, desto klarer und zufriedener wird er. Sobald sich bei mir innerlich Druck aufbaut, ich müde werde und aus dieser Müdigkeit kaum noch herauskomme, ist es für mich Zeit wieder abzuhauen. Mir geht es weniger um Sorgen, als um die Gesellschaft, die einem immer mehr erdrückt. Nach einer Reise fühle ich mich erfrischt und vollgetankt mit Energie, um der Gesellschaft wieder gegenübertreten zu können.

Während der islamischen Expansion sind die Araber sehr viel gereist, auf der Suche nach Wissen. Einer der größten und berühmtesten Reisender der mittelalterlichen Geschichte ist Ibn Battuta, der sich auf seinen Reisen immer wieder auf den Islam berufen hat: „Segen kommt nur durch Bewegung“ und „Wissen, Benehmen und gute Charaktereigenschaften können nicht erworben werden, es sei denn durch das Reisen.“ Nur durch die Bewegung kann überhaupt etwas von Wert angeeignet werden.

Ehrlich gesagt, die Reise ist tatsächlich anstrengender als wir erwartet haben. Allerdings tritt das mehr in den Hintergrund, wenn meine Nichte gefragt wird, wie die Reise zum Polarkreis für sie ist. Im Zug schlafen, mit einer Fähre über die Ostsee, in dem ein Zug mitfährt, meterhoch Schnee, typische Polartiere, die es in Deutschland in der freien Wildbahn nicht gibt, Polarlichter und vieles mehr.

Für Kinder ist die Welt meistens sehr klein. Sie sehen nur das, was sie vor der Haustür haben. Später fällt ihnen auf, wie eingeschränkt sie doch seit Jahren leben. Es schadet also nicht, wenn der Mensch schon früh genug lernt über den Tellerrand zu schauen. Nicht zu vergessen, je mehr man reist und je früher man damit anfängt, desto größer ist der Blick für die wesentlichen Dinge. Vorurteile treten mehr in den Hintergrund. Zumal Kinder erst durch den Erwachsenen mit Vorurteilen über dieses und jenes geprägt wird. Des Weiteren gehe ich davon aus, dass das Reisen wesentlich effektiver ist, als die Schule. Man lernt andere Sprachen, Geographie, Kultur, Politik, Biologie und auch Mathe. Schließlich existiert nicht in jedem Land der Euro. Außerdem bekommen auch Kinder ein hervorragendes Allgemeinwissen (das deutsche Schulsystem finde ich persönlich total unflexibel und voreingenommen).

Zugegeben, sie hat sich zweimal übergeben. Das erste Mal im Zug von Malmö nach Stockholm. Zu dumm, dass sämtliche Toiletten in unserem Umkreis besetzt waren, weshalb ich sie auf den Stufen der Zugtür „kotzen“ ließ. (ich wusste gar nicht, wie viel in so einem Kindermagen reinpasst).Der einzige Bereich, der nicht mit Teppich ausgelegt war. Anschließend flößte ich ihr eine Tablette gegen Übelkeit ein, die sie im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen hat. Nicht mal 10 Minuten später schlief sie tief und fest an meiner Schulter. Mit Machtkämpfen haben wir beide ständig zu tun. In der Regel kommen wir beide immer auf einen gemeinsamen Nenner, außer wenn es darum geht im Nachtzug von Stockholm nach Kiruna ganz oben in dem 60 Zentimeter breiten Bett zu schlafen.

„Erstens habe ich keine Lust nach oben zu krabbeln und das Bett zu machen. Und zweitens – das ist auch der entscheidendste Punkt – da ist kein Gitter dran. Bei nur einer Umdrehung fliegst du fast drei Meter in die Tiefe und dann bist du Mus.“

„Das finde ich aber doof“, schmollt sie.

Die Arme vor der Brust verschränkt, sitzt sie am Fenster und schaut mit finsterem Blick in die Dunkelheit.

Auf der Strecke zwischen Essen und Hamburg hat meine Nichte, obwohl ich ihr schon einhundertmal gesagt habe, dass sie nicht alle Menschen ansprechen soll, einer Frau erzählt, dass sie zum Polarkreis fährt. Die erste Reaktion der Frau war: "Bist du dafür nicht etwas zu jung?“

Sie hat die Frau nur verständnislos angesehen. Ich habe meiner Nichte erzählt, am Polarkreis leben auch Kinder und denen geht es sehr gut (bestimmt noch besser als den Kindern hier, denen ständig eingeredet wird, dass sie zu klein sind um dieses oder jenes zu machen und ihn damit die Motivation raubt und Komplexe einredet). Ich muss noch hinzufügen: meine Nichte redet wirklich laut und jeder im Waggon hat das Gespräch mitbekommen. Natürlich wurde ich direkt angesprochen, ob es nicht doch zu früh sei mit einem sechs Jahre alten Mädchen eine so anstrengende Reise zu machen. Oh Mann! Diese Menschen lesen eine Sonnenuhr auch nur mit einer Taschenlampe ab.

Natürlich kann sich meine Nichte nicht alles behalten was ich ihr erzähle. Allerdings gibt es einige Highlights von denen sie ständig berichtet…

Im Stockholmer Bahnhof. Die meisten Bahnhöfe der Stockholmer U-Bahn sind mit Kunstgemälden ausgestattet, die deshalb zur größten Kunstgalerie der Welt gehören.

In Schweden wird so gut wie alles mit Karte bezahlt. Selbst ein Besuch auf den öffentlichen Toiletten hat nach meiner Kreditkarte verlangt.

In Skansen. Als Historikerin bin ich total fasziniert von den alten Häusern der Samen, während meine Nichte die "total langweilig, kaputt und alt" findet...

Hab' ihr von Thor und Mjölnir erzählt.

Zwischen Dänemark und Deutschland

Im Sj-Nachtzug von Stockholm nach Kiruna. Damit sie während der Zugfahrten keine Langeweile hat, habe ich mir ein ganzes Programm einfallen lassen. Neben Kartenspiele, Bücher und Musik haben wir am einem Reisetagebuch gearbeitet.

So ganz nebenbei - von Kiruna nach Stockholm mussten wir beide wohl oder übel die obersten Betten benutzen, da wir auf der Rückfahrt in einem 6-Bett-Abteil waren. Schließlich habe ich ein provisorisches "Gitter" gebaut. Ach ja, bei -25 Grad frieren teilweise die Gänge im Zug ein.

Kiruna. Wo man nur hinsieht: Schnee!

Zug-Momente.

Kommentare: 1
  • #1

    Claudia (Sonntag, 09 Juni 2019 20:07)

    Ich habe mir erlaubt deinen Bericht auf unserer fb Seite zu teilen. Wir haben fast die gleiche Reise im Februar 2019 gemacht. Mit dem Zug nach Lübeck/Travemünde.Von dort mit der Fähre nach Mamö. Von dort mit dem Zug weiter bis Stockholm. Dann weiter mit dem Nachtzug bis Östersund. Weiter mit der Inlandsbanan nach Kåbdalis. Ausflüge nach Jokkmokk und Kiruna ins Eishotel. Es waren alles zusammen 5678 km. Es stimmt, die Reise ist anstrengend, aber man muss es mal gemacht haben um sich selbst auch wieder zu erleben. In stressigen Momenten brauche ich nur 1 oder 2 Minuten um den Stress abzubauen. Einfach in Gedanken zurück in die Zeit im Schnee. Ich muss allerdings sagen das unser Nachtzug Absturzsicherungen an den Betten hatten. Es waren Netze.
    Danke für den schönen Bericht. Ich glaube auch das diese Reise für Kinder geeignet ist, wenn man gut vorbereitet ist wie du es warst.
    Viele Grüße aus NRW. von Claudia