Astana: Die Stadt des Friedens liegt mitten in der Steppe (1/4)

Einer der beeindruckenden Flaggen überhaupt, ist die kasachische mit dem goldenen Steppenadler unter der Sonne auf blauem Grund...

"Der Adler frisst nicht aus dem eigenen Nest..."

... ist ein bekanntes Sprichwort. Die Regierung der Steppenvölker Kasachstans ist derzeit ein aufstrebendes Beispiel, wie nach und nach ein Volk immer mehr in die Tyrannei des eigenen Landes gezwungen wird.

Das Volk der Steppe baut sich seine Hauptstadt... mitten in der kasachischen Steppe des Sary Arka. Astana beziehungsweise Nur-Sultan, wie die Hauptstadt Kasachstans seit März 2019 heißt, ist eine Paradebeispiel für das Kasachstan des 21. Jahrhundert. Die surreale Skyline ist ein atemberaubender Kontrast, wenn man an die wilden Pferde, Kamele und die weiten baumlosen Graslandschaften denkt.

Der Weg vom Flughafen ins Hostel, das im Zentrum der Stadt liegt, bietet einen Vorgeschmack von dem was mich in Astana erwarten wird. Neben den Wolkenkratzern aus farbigen Glas und den bunt beleuchteten Gebäuden - es ist inzwischen schon 22:30 Uhr - ist die Expo 2017 eines der imposantesten und auch bekanntesten Gebäude in Astana. Ich merke kurz an, dass für mich weiterhin die kasachische Hauptstadt Astana ist und nicht Nur-Sultan. Der neue Präsident Qassym Toqajew hatte im März die Hauptstadt nach seinem tyrannischen und korrupten Vorgänger Nursultan Nasarbajew umbenannt. Ohne die Zustimmung des Volkes. Das Volk entscheidet wie ihre Hauptstadt heißt. In diesem Fall ist es Astana. Zugegeben kann ich das Wort Nursultan nicht mehr sehen. Sämtliche Einrichtungen wurden nach dem Präsidenten benannt. Es gibt sogar ein Museum über Nasarbajew.

Im Auto des angeblichen Taxifahrers läuft ein Cover von Rihannas Umbrella. Zum vierten Mal erzählt er mir, wie er heißt.

"Nursultan oder Astana?", frage ich ihn, während wir an den Bajtarek-Turm, dem Wahrzeichen Kasachstans entlangfahren. Rund um den Turm ist innerhalb von wenigen Jahren ein komplettes Stadtteil - das Regierungsviertel - entstanden.

Er schaut mich durch seinen Rückspiegel an.

"Astana."

Am Nomad 4X4 Hostel - ich bin erstaunt, wie krass sich die Gegend, obwohl sie noch im Stadtzentrum ist, von dem unterscheidet, wo ich gerade noch entlanggefahren bin - angekommen, berechnet der Fahrer mir 12000 Tenge.

"Das ist nicht dein ernst?" Eine normale Taxifahrt kostet zwischen 1500 und 2500 Tenge vom Flughafen in die Stadt.

"Europäische Preise", sagt er.

"Erstens bin ich in Kasachstan und zweitens, würde ich noch nicht einmal in Europa so viel bezahlen." 12000 Tenge sind etwas mehr als 30€.

"6000 und keinen Tenge mehr", sage ich.

"9000."

Er fängt an zu handeln. Und Handeln liegt mir im Blut. Ich kenne keinen Algerier, der nicht wie ein Geier handeln kann.

Ich beharre auf meine 6000 Tenge. Selbst die sind viel zu viel. Aber es ist mein erster Tag in Kasachstan, also bin ich etwas großzügig.

"6000."

"8000."

"6000."

"7000."

"6000."

"5000."

"Ah ja, nehme ich", sage ich grinsend.

"Ahhh scheiße", flucht jetzt der Taxifahrer.

"Zu spät." Ich drücke ihn 5000 Tenge in die Hand, greife nach meinen Rucksäcken und springe aus dem "Taxi".

Mit meinem Kopf über meinen Tee hängend, puste ich den Dampf weg und nuschle in mein Headset. Es ist mittlerweile schon nach 0 Uhr, als jemand in die Gemeinschaftsküche schlürft. Dieser Jemand trägt einen ziemlich schrägen und fast schon perversen Leoparden gemusterten Mantel und fängt an sich eine Kanne Kaffee aufzubrühen.

OHA!

Ja, wieso nicht?! Schließlich bin ich schon schrägeren Menschen begegnet.

Wie sich einen Tag später herausstellt, handelt es sich um einen sehr sympathischen Berliner aus Pankow, der seit letztes Jahr auf Reisen ist. Ihm verdanke ich vergünstigt und kostenlose Busfahrten (Danke nochmals für deine Fahrkarte!).

Neben ihm treffe ich auch auf einen vielreisenden Franzosen, mit dem ich in einem Restaurant essen gewesen bin, in dem man nicht filmen und fotografieren darf (mir aber egal!) - wir nennen es "Mafia-und-Diplomaten-Kantine". Das Essen ist ein Meisterwerk und verdammt günstig. Neben georgischem Hatschapuri stehen typische kasachische Spezialitäten zur Auswahl, wie Manty und Kymys. Die Security und die ausdruckslosen Gesichter der Mitarbeiter sind beängstigend. Und jetzt fällt mir wieder ein, weshalb ich eigentlich in Kasachstan bin: Die Wahl des Präsidenten steht bevor. Ich wurde im März von einem Aktivisten kontaktiert und klärte mich über die politische Lage des "demokratischen" Kasachstan auf. Dieser Aktivist - über den habe ich in einem anderen Artikel geschrieben - ist leider nicht mehr in der nördlichsten Stadt Kasachstans - Astana, sondern weit im Süden des Landes - in Taraz im Militär, um ihn von der Gesellschaft zu isolieren.

Im Khan Shatyr, dem größten Zelt der Welt, ist mehr los, als in der getarnten Kantine. Top gestylte Frauen schlendern durch das Einkaufszentrum, Kinder spielen in den Spielecken der Mall und ich suche nach jungen Menschen, die ich belästigen kann. Ich setze mich mit einem Becher Tee in der Hand, neben eine zierliche Kasachin. Ja, eine Kasachin, wie sie mir erzählt. Tatsächlich gibt es einen Unterschied zwischen Kasachen und Kasachstaner. Die Kasachen sind eine turksprachige Ethnie und entsprangen aus der Linie des Dschingis Khan, während die Kasachstaner die Bevölkerung Kasachstans sind.

Ich stelle mich ihr kurz vor. Anschließend frage ich sie, wie ich schon mindestens zwanzig andere Männer und Frauen gefragt habe, ob sie mit der Regierung zufrieden sind.

"An jeder Ecke stehen Polizisten in ziviler Kluft. Das ist mir zu riskant", murmelt sie.

"Selbst hier in der Mall?"

"Erst recht hier in der Mall."

 Astana soll wohl die Stadt des Friedens sein. Alle zwei Jahre findet in der gläsernen Pyramide, der Palast des Friedens und der Eintracht, ein Treffen der Führer aller Weltreligionen statt. Obwohl die Mehrheit der Kasachstaner Muslime sind (80%), hört man nicht nur den Adhan (muslimischen Gebetsruf), sondern auch Kirchenglocken läuten und das Horn der Beit Rahel-Habbad Lubawitsch Synagoge. Ich statte der Moschee Nur-Astana einen Besuch ab, in der Platz für mehr als 7000 Betende ist. Die von Gold strahlenden Kuppeln, erinnern an die pompös orthodoxen Kirchen. Direkt gegenüber der Moschee liegt der Asia Park, einer der vielen Einkaufszentren in Astana, in dem es schwarze Hamburger geben soll. Der Genuss des Burgers währt nur für eine kurze Dauer. Ich bekomme die Nachricht einer Aktivistin, dass ich schnell kommen soll. Eine Familie wird von der Regierung okkupiert. Ich lasse mein Essen mit 1000 Tenge auf den Tisch liegen und frage wo ich hinkommen soll.

Jetzt fängt das eigentliche Problem an: sämtliche Taxifahrer schmeißen mich aus den Taxen, als ich denen mitteile, wohin ich möchte. Ich habe keinen Zugang zu meinen sozialen Netzwerken mehr und ins öffentliche WLAN kann ich mich auch nicht mehr einwählen.

Toll...

Schließlich erhalte ich eine SMS, dass über meinem Namen ein Taxi bestellt wurde. Einer der Aktivisten ist so schlau gewesen und hat mich noch rechtzeitig fragen können, wo ich gerade bin.

Am Tatort angekommen, finde ich nur eine Wohnsiedlung mit einem verwahrlosten Spielplatz. Auf der Schaukel sitzen ein paar Jugendliche. Alles scheint friedlich zu sein. Ich sehe mich um und entdecke eine Haustür in der zwei Männer reingehen. Ein anderer im blauen Shirt kommt raus und winkt mir unauffällig zu.

"Komm mit. Das musst du dir ansehen."

Ich gehe mit...

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