Verhaftungen im Land der aufgehenden Sonne - Kasachstan (2/4)

Wenn es dem Präsidenten juckt, muss sich das Volk kratzen...

In der Mitte des Wohnhauses hat sich eine Menschenmenge versammelt.

"Was genau wird den Personen vorgeworfen, die seit Stunden in ihren eigenen Wohnungen festgehalten werden?", erkundige ich mich bei meinem Begleiter.

"Die sollen irgendwelche Dokumente und verdächtiges Material haben."

Ich quetsche mich durch die Menschen, um die letzten Stufen zur Etage hoch zu laufen.

Zwei Männer in dunkler Kleidung und Sonnenbrille versperren mir den Weg.

Der eine erinnert mich an eine billige Kopie von Kim Jong-Un. Ziemlich feige sich hinter einer Sonnenbrille zu verstecken.

Eine Reporterin von Radio Azattyq redet die ganze Zeit auf die zwei Beamten ein und macht einen Livestream über Facebook.

Ich will die Gelegenheit nutzen und durch die Lücke zwischen den beiden Männern zu schlüpfen.

Wenn ich das mache, werde ich höchst wahrscheinlich nicht mehr nach Kasachstan einreisen dürfen. Geschweige denn, sie lassen mich überhaupt raus.

Ich belasse es, mime die Unschuldige und stelle mich etwas ins Abseits.  

Interessant ist zu klären, wieso es Journalisten und Blogger möglich ist, das Spektakel zu filmen. Ich bin ehrlich, als ich mir die Fotos im Internet angesehen habe, wie Menschen mit ihren Smartphones problemlos Gerichtsverfahren und Festnahmen aufnehmen können, war ich skeptisch.

Ich musste es mir einfach selbst ansehen!

Je mehr ich die Bevölkerung kennen lerne, desto heller wird meine innere Glühbirne.

Die ahnungslosen Leute dieser Welt sollen glauben, dass es sich hier um Belanglosigkeiten handelt. Die "Polizei" in Zivilkluft. Keine Gewalt vor den Kameras. Alle inkognito. Selbst das bordeauxfarbene Auto der Marke Nissan, war nicht als Polizeiwagen zu erkennen.

Jeder Gegner der kasachischen Regierung, der es irgendwie öffentlich zeigt, sei es als friedlicher Demonstrant oder als Reporter/Journalist, Aktivist wird früher oder später seine Konsequenzen davon tragen. Bestes Beispiel ist Daniyar Khassenov, der Aktivist, den ich den ganzen Tag begleitet habe. Seine und die Konten seiner Familie wurden kurze Zeit später eingefroren. Zusätzlich wird ihm die Ausreise aus Kasachstan verwährt.

Die kasachische Regierung macht es ganz geschickt: die Ausstehenden halten die Bilder für inszeniert. Sehr sehr geschickt gemacht.

Die Typen lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Ein Bewohner zwängt sich durch die kleine Menschenmenge. Er will hoch in seine Wohnung. Stößt bei Kim Jong-Un auf taube Ohren.

 

Stunden vergehen, die wir im Treppenhaus stehen und einfach nichts passiert.

Dann kommen zwei Männer aus dem Hausflur die Treppen runter. Die Reporterin stürzt sich mit ihrem Handy auf die anderen zwei Beamten. Die stoßen sie zur Seite. Wir drängen uns an Kim Jong-Un und seinem Komplizen vorbei, um endlich in die Wohnung gehen zu können. Eine Frau mittleren Alters, Akmaral Karimbayewa und ein ungefähr 30 Jähriger Mann kommen uns ganz aufgebracht entgegen.  Vor laufender Kamera erzählt sie, wie die Regierung ihr Eigentum konfisziert und ihr Sachen unterstellt hat, die ich jetzt nicht erwähnen möchte. Ich kann nicht genau sagen, wie lange sie redet, da ich damit beschäftigt bin, mir ihre demolierte Wohnung anzusehen. Die Metalltür ist total zerstört. Tee liegt verschüttet im Wohnzimmer herum. Das totale Chaos.

Eine Form der Okkupation findet hier statt!

Im Hintergrund höre ich die Frau verzweifelt reden bis ein weiterer Beamter die Treppen hochstürmt und schließlich Akmaral abführt.

Ein Aufkleber auf ihrem Kühlschrank sticht mir ins Auge: Smile Astana.

 

Mit einer Mitarbeiterin vom OSCE machen wir uns auf dem Weg und suchen jede Polizeistation nach Akmaral ab. Erfolglos.

Später erfahre ich, dass sie zwei Tage festgehalten worden ist, während ihre zwei kleinen Kinder alleine in der Wohnung mit der aufgebrochenen Tür hausen mussten.

An einer der Polizeistationen finden wir eine Frau, die ebenfalls verzweifelt nach ihrem Mann sucht und auch zwei Kinder hat. Wir nehmen sie mit. Gegen 20 Uhr sitzen wir im Gericht.

Die "Empfangsdame" hat eine Liste auf ihrem Tisch liegen mit all den Menschen, die heute hergebracht worden sind. Wir schauen rein und finden die Namen nicht, die wir suchen bzw. die Dame hat das Klemmbrett mit der Liste an sich gerissen und schützend an ihre Brust gehalten.

Müde und ausgehungert sitzen wir am späten Abend in einem kasachischen Café und lassen den Tag Revue passieren.

 

Meine nächste Station ist das ehemalige Konzentrationslager in Akmol, das die Welt so gut wie gar nicht kennt.

Aber: Smile Astana...

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Kommentare: 1
  • #1

    Nessim R. (Freitag, 28 Juni 2019 00:30)

    Echt sehr gut geschrieben und gut zum Punkt gebracht mach weiter so lese deine Geschichten so gern