Konzentrationslager für Frauen in der tiefen Steppe Kasachstans (3/4)

Wer kennt schon das ehemalige KZ Alzhir in Akmol?

Mein französischer Reisegefährte und ich sitzen in der Küche bei Tee und kasachischen Keksen über eine Stadtkarte und diverse Reiseführer in den unterschiedlichsten Sprachen. Morgen wird er weiter nach Bischkek reisen. Ich hingegen werde nach Akmol fahren, um das Konzentrationslager bzw. Gulag Alzhir - klingt sehr Mediterran, es handelt sich allerdings nicht um die algerische Hauptstadt Algier - einen Besuch abzustatten.

Das Dorf liegt 37 Kilometer von Astana entfernt.

Zwischen den 1920er und 50er wurden in dem "Gefangenenlager für die Ehefrauen der Verräter an der Heimat" Millionen von Menschen umgebracht. Heute erinnert eine Gedenkstätte und ein Museum an die politischen Verfolgungen vieler Zivilisten, genauso wie das Denkmal für die Opfer des stalinistischen Terrors und Totalitarismus sowie die Opfer der Zwangskollektivierung, der umgesiedelten Deutschen, Polen, Tataren, Kaukasier und viele andere Völker. Allein 1937 wurden mehr als 1,5 Millionen Menschen verhaftet und über die Hälfte erschossen. Der Rest kam ins Gulag, während die Frauen im Frauenlager Alzhir interniert wurden.

Das findet sich leider in dem Herzen der kasachischen Steppe. 

"Die hätten Akmol etwas mehr Seiten schenken können", sage ich eher zu mir selbst und blättere weiter.

"Das sehe ich genauso."

Dafür, dass das Konzentrationslager  so viele Menschenleben genommen hat unter grausamen Bedingungen, wird dem eindeutig zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

In Sankt Petersburg vor einigen Jahren, habe ich zum ersten Mal davon gehört. Ziemlich grausam, dass Alzhir nie im schulischen Unterricht erwähnt wurde. Stattdessen wurde jahrelang der Zweite Weltkrieg und die Französische Revolution durchgekaut, runtergeschluckt und wieder hoch gewürgt.

Wie üblich läuft meine Randbemerkung auf ein intensives politisches Gespräch hinaus.

Jean vergleicht den alten Präsidenten Kasachstans mit Putin. Er ist der Meinung, dass Putin viel von Nasarbajew lernen konnte sowie für Kim Jong-Un Dschingis Khan ein Vorbild ist.

Gewagte These.

"Die Politik ist wie ein Dreieck. Sie besteht aus drei Seiten. Erstens: Ego. Zweitens: Angst. Drittens: Gemütlichkeit", sind seine Worte und schlürft anschließend an seinem Tee.

Von Astana bis Akmol fahre ich an kahle Graslandschaften und Waldsteppe mit vielen Seen entlang. Ganz typisch für den Norden Kasachstans, der an Westsibirien grenzt.

Das Dorf hat mit seinen post-sowjetischen Wohnungen und kleinen Cafés nicht wirklich etwas zu bieten, außer der Gedenkstätte selbst.

Ich habe keine Ahnung wohin ich muss, also laufe ich quer durch das Dorf und lasse mich von den Eindrücken berieseln.

Der Wetterumschwung im Norden Kasachstans ist schlimmer als eine Frau, während des PMS. Von einer auf die andere Minute regnet es wie aus Eimern und in fünf Minuten lässt die Sonne den Himmel im schönsten Blau erstrahlen.

Wie zu erwarten, sind auch hier im Dorf große Pfützen, die schon Seen gleichen.

Meine Schuhe sind mit Matsch besudelt, um den ich nicht drumherum komme.

In den meisten Fällen ist man gezwungen durch das Regenwasser zu laufen, da das Wasser die Straßen nicht ablaufen kann, aufgrund der Bauweise. Zumal auch tiefe Schlaglöcher die Straßen Kasachstans zeichnen

Ich will sehen, warum die Straßen so porös sind. Ich lege mich schon fast auf den Boden. Zwei Kinder kommen auf mich zu, legen sich auf den Bauch und schauen mich neugierig an.

Ich versuche den beiden klar zu machen, was ich suche.

Schnell werde ich fündig. Die mischen den Teer mit Sand. Und das nicht gerade wenig. Die Kinder nehmen mich an die Hand und zeigen mir eine kleine Baustelle um ein tiefes Loch in einer der Straßen.

"Das macht der Regen und die LKWs." Ein Jugendlicher taucht auf.

"Wieso baut ihr dann die Straßen nicht stabiler?", frage ich.

"Wir bekommen nicht mehr. Deshalb mischen wir unser Teer mit Sand."

Mal wieder die Regierung.

Nach kurzer Inspektion bin ich auf der richtigen Fährte. Ich entdecke eine Kirche und eine Moschee, die beide auf ein Foto passen. Eine Seltenheit. Nachdem die Glocken der Kirche läuten springt der Adhan (muslimischer Gebetsruf) aus den Megafonen der Minarette. Direkt hinter der Moschee taucht ein klobiges Gebäude auf, vor dem Bogen der Trauer. Vor dem Museum steht eine originale Baracke, die sich die Insassen selbst bauen mussten. Links und rechts des Museums sind zwei Bronzestatuen der Opfer zu finden.

Am 3. Dezember 1937 befahlen Stalin, Beria und Jeschow das kasachische Konzentrationslager für Frauen zu eröffnen. Nicht einmal einen Monat später wurden die ersten 50 Frauen mit kleinen Kindern dahin deportiert. Lebensgroße Schaupuppen stellen unterschiedliche Szenarien dar, wie ein Verhör. Während einer der stalinistischen Beamten in seiner breitschultrigen Uniform an einem Schreibtisch hockt, muss eine ältere Frau auf einen so hohen Stuhl sitzen, dass ihre Füße den Boden nicht erreichen. Solche Verhöre wurden stunden- und tagelang geführt.

Da können wir uns vorstellen, wie die Opfer ohnmächtig vom Stuhl gekippt sind. Nicht zu vergessen: die Frauen mussten bis zu 14 Stunden hart arbeiten. Wer weiß, wie viele dem Hunger zum Opfer gefallen sind.

Ich habe keine Ahnung, wann der Bus zurück in die Stadt fährt, also kaufe ich mir einen Tee und setze mich an den Straßenrand direkt an der "Bushaltestelle".

Auf der anderen Straßenseite beobachte ich eine Frau und einen Mann, wie sie einer Kasachin etwas auf dem Smartphone zeigen. Entweder erkundigen die sich, welcher Bus zurück nach Astana fährt oder - wie schon ein halbes Dutzend anderer Menschen mich gefragt haben - um wie viel Uhr der Bus nach Astana abfährt. Interessanterweise kommen die auf mich zu und fragen mich beides.

"Das weiß leider keiner. Die Busse kommen und gehen wie es ihnen beliebt", sage ich.

Wie sich herausstellt kommt der rothaarige Mann aus England und die Frau aus Neuseeland.

"Uns wurde gesagt, dass die Taxifahrt nach Astana nur 400 Tenge kostet."

"Vielleicht mit den staatlichen Taxen. Hier stehen nur private. Die nehmen definitiv mehr als 1200 Tenge."

Nachdem wir 15 Minuten vergeblich auf ein Bus warten, gehe ich zu einem "Taxifahrer" rüber und frage ihn, wie viel Geld er haben möchte, um mich in die Stadt zu fahren.

"1600."

War ja klar!

Ich bezahle.

"Die Beiden", ich zeige auf die Bushaltestelle, "gehören zu mir."

"Das kostet extra."

"Du hast mehr als genug von mir bekommen."

Ich hole meine neuen Reisegefährten dazu und steige ins Auto.

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