Zwischen Faszination und Schrecken (4/4)

"Die Sonne scheint über Gerechte und Ungerechte."

Na toll!

Ich stehe auf der Brücke, die durch das Regierungsviertel Astanas zum Asia Park führt, während ein starker Regen über mich herfällt. Meine Wimperntusche läuft mir quer übers Gesicht. Da habe ich heute morgen Lust gehabt mich nach Wochen wieder an zu malen - und jetzt so etwas. Genauso schnell wie der Regen gekommen ist, verschwindet er auch.

War ja klar!

Als ich endlich ein Dach über dem Kopf habe, hört das Gießen auch schon auf und meine Socken sind klitschenass.

Ich grummle vor mir her, mit nicht so mädchenhaften Worten.

 

"Ich habe selten eine Frau so oft hintereinander Fluchen und Schimpfen hören", hat mir ein guter Bekannter mal gesagt, den ich in einem Dorf zwischen der Kleinstadt Klin und Russlands Hauptstadt Moskau kennengelernt habe. Unsere erste Begegnung war auch nicht die beste. Das Sammeltaxi hatte kurz vor Moskau eine Panne am späten Nachmittag gehabt, weshalb ich kurz vor meinem Ziel vollgepackt aus dem kleinen Bus steigen musste. Mein Fluchen und genervtes Gesicht ist den Leuten nicht entgangen. Vor allem nicht mein Rucksack, der in allen post-sowjetischen Ländern das Gesprächsthema Nummer eins ist.

„Dann gewöhn' dich dran!“, grummelte ich.

„Besser nicht“, erwiderte er knapp, während er einen kleinen Flachmann in seinem Kaffeebecher entleerte.

Dann fing er auf einmal an los zu prusten.

"Was?"

"Schau dich mal an. Dieser Gesichtsausdruck."

Irgendwann hatte auch ich angefangen zu lachen.

Wie sich herausstellte, war er Soldat.

"Wieso bist du in so einem Kaff stationiert?" Meine Neugierde entflammte wieder.

Er grinste nur. ohne auf meine Frage einzugehen. Er klärte mich auf, dass ich heute nicht mehr in Moskau ankommen werde und ich wohl oder übel hier bleiben müsse.

"Wieso trägst du so einen Rucksack?", hatte er zurückgefragt.

Diese Rucksack-Frage...

In Sankt Petersburg hatte mir einmal ein älterer Herr ganz stolz gesagt und wollte dabei nach meinen Taschen greifen, dass in seinem Land Frauen keine schweren Taschen tragen. Ich hatte nur behutsam meinen Arm um die Schultern des bestimmt 80 Jahre alten Mannes gelegt und geantwortet: "Und in meinem Land nehmen wir Rücksicht auf ältere Menschen, in dem sie keine schweren Taschen tragen müssen."

Wie kann eine Frau nur mit Rucksack reisen?

Das es wesentlich bequemer ist als mit einem Koffer, steht nicht zur Debatte.

Tatsächlich blieb ich acht Tage, obwohl ich hätte am nächsten weiter fahren können. Nicht die Gegend hatte mich fasziniert, sondern die Menschen dort.

 

In der Gegenwart zurück, stehe ich an einer Kasse mit Socken in den Hände auf denen ein Smiley ist. Ich denke wieder an den Sticker, den ich an Akmarals Kühlschrank gesehen habe: Smile Astana.

Was ist mit den Aktivisten, die mir stolz ihre Stadt gezeigt haben?

Daniyar möchte in Wien Medizin studieren. Leider wird er in Almaty festgehalten und darf Kasachstan nicht verlassen. Immer wieder werden die Konten seiner Familie und von ihm eingefroren.

Aliya und Bota stehen unter Beobachtung.

Was mit den anderen Aktivisten ist, weiß ich leider nicht. Da es zu viele sind, die gehindert werden in Frieden in dem Land der aufgehenden Sonne leben zu können.

Der Berliner aus dem Hostel möchte sich in Astana als Koch bewerben.

 

Kasachstan ist Faszination pur und lässt einen nicht los, insbesondere Astana. Die riesige Republik grenzt an China, Kirgisistan, Russland, Turkmenistan und Usbekistan. Die Grenze zwischen Kasachstan und Russland ist mit 7513 Kilometern die längste zusammenhängende Landgrenze der Welt. Mit einer reichen Geschichte und Kultur, wunderschönen Landschaften, freundlichen Menschen und unzähligen Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten. Kasachstan ist bekannt als Geburtsort der alten eurasischen Zivilisationen, Teil der Großen Seidenstraße, Heimat von Äpfeln und Tulpen, der erste Ort an dem Pferde domestiziert wurden. Es wäre schade, wenn die Sonne eines Tages dort nie wieder mehr aufgehen würde.

 

Wer weiß, was mich bei meinem nächsten Besuch erwarten wird?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0