Ich und der Lykische Weg

 

„Zu Fuß nach Antalya? Fahr doch mit dem Bus!“, sagt die Verkäuferin in dem kleinen Lebensmittelladen neben der Pension in Fethiye. Ich schnappe mir schnell ein Fladenbrot und ein paar Scheiben Käse.
„Nur, wo ich zu Fuß gewesen bin, bin ich auch wirklich gewesen“, antworte ich ihr und verstaue mein restliches Kleingeld.
Das Flair der kleinen, malerischen Hafenstadt südwestlich der Türkei zaubert mir ein kleines Lächeln ins Gesicht. Ein wahres Urlaubsparadies: Der Kiesstrand und das türkisblaue Meer. Es ist September, das Ende der Hauptsaison. Aber immer noch sehr heiß. Mit einem Dolmuş (Sammeltaxi) fahre ich nach Ovacik, wo ich meine Wandertour bis nach Antalya beginne. 509 km.
Im Dolmuş sitzen fünf Jugendliche, die zum Strand wollen. Sie beäugen mich, meinen grünen Wanderrucksack und die roten Wanderstöcke.
„Was hast du vor?“, fragt mich jemand in gebrochenem Englisch.
„Ich werde den Lykischen Weg laufen.“
Er hebt den Daumen und schenkt mir eine Flasche Wasser. „Ich kenne keinen Türken, der den Lykischen Weg gewandert ist. Es sind immer nur Europäer. Hast du keine Angst?“
Natürlich habe ich etwas Angst vor dem Unbekannten. Zumal die Lage in der Türkei nicht sonderlich stabil ist. Aber das gehört zum Abenteuer dazu. Mit meinem Wanderführer, der Karte auf meinem Handy und meinem Trekkingmesser bin ich gut ausgerüstet. Meinen treuen Begleiter trage ich auf meinen Schultern. Mein Rucksack ist in den nächsten Wochen mein einziges Hab und Gut. Wenn er weg ist, was mache ich dann?


Die ersten Schritte. Die erste Etappe beginnt direkt mit einem Aufstieg des Berges Babadağ. Es ist mittags, die paar Sträucher, die auf dem Berg sind, spenden kaum Schatten, das Geröll rutscht mir ständig unter den Füßen weg. Der Himmel strahlt in seinem schönsten Blau. Um diese Jahreszeit sieht man viele Gleitschirmflieger am Himmel. Weit entfernte Rufe von den Strandgästen dringen zu
mir herüber. Wie gerne würde ich jetzt auch ins Wasser springen. Je weiter ich in den Süden gehe, desto wärmer wird es. Meine Leidenschaft ist das Wandern. Allerdings ist es mein erster Fernwanderweg in so einem warmen Gebiet. Außerdem sind es keine ausgebauten Wege, die somit mehr Kraft kosten als der Jakobsweg in Frankreich. Die Hitze brennt mir auf dem Gesicht, aber die Abenteuerlust treibt mich voran und ich bin voller Vorfreude auf mein Erlebnis.
Meine erste Rast lege ich in der Mitte des Aufstiegs ein. Knapp 700 Meter über dem Meeresspiegel. Es ist ein kleiner Olivenbaum, der mir Schatten spendet. Eine leichte Brise fährt mir übers Gesicht. Erst jetzt wird mir bewusst, in was für einer wunderschönen Umgebung ich mich befinde. Der weiße Strand leuchtet wie Sterne am Himmel, das türkisblaue Meer erinnert an Geschichten aus 1001 Nacht. Links und rechts auf den Bergen springen Ziegenböcke umher.
Die schweißtreibende Temperatur singt langsam, während der Aufstieg des Babadağ dem Ende naht. Nachdem ich eine Stunde die Landstraße entlanggelaufen bin, treffe ich auf eine Frau mit Kind, die am Straßenrand Tee und türkische Pancakes verkauft. Sie zeigt auf meinen Rucksack und ich versuche ihr zu erklären, dass ich nach Antalya gehe. Sie versucht mir zu erzählen, dass hier oft Wanderer vorbeigehen und bei ihr essen. Ich genieße den türkischen Tee und die Pancakes mit Lauchzwiebeln und Feta. Ich blättere in dem Wanderführer. 3 Stunden später habe ich auch schon die erste Etappe geschafft.

Gefährten. In den darauffolgenden Tagen lerne ich die Kraft der Berge kennen. Genau gesagt will ich sie bezwingen. Auch wenn ich den Auf- und Abstieg schaffe, weiß ich, dass ich, so lange ich auf einem Berg bin, ihm gehöre. Um die Mittagszeit suche ich mir ein schattiges Plätzchen, um die Affenhitze zu überstehen. Immer wieder schaue ich auf meinem Handy nach einer Wasserquelle. Trotz meines Trinkbeutels, der 3 Liter fasst, fülle ich ihn mindestens einmal auf jeder Etappe noch mal auf.
In Alinca treffe ich auf einen Nürnberger, der schon das zweite Mal den Lykischen Weg wandert. Wir tauschen uns mit Informationen aus. Er erzählt mir, dass er mich schon Stunden zuvor von Weitem gesehen hat, wie ich geflucht und meinen Rucksack nach Essen abgesucht habe. Noch nie habe ich die Gesellschaft eines Menschen so sehr genossen wie in diesem Augenblick. Ich habe gedacht, ich sei der einzige Mensch, der diesen Weg geht. Und das auch noch im Spätsommer.
Nach einem ausgiebigen Frühstück mit zwei älteren Engländern verlasse ich die überteuerte Pension in Alinca und steige mal wieder einen Berg hinab. Ich danke Gott dafür, dass ich Wanderstöcke und Meindl-Wanderschuhe dabeihabe. Die 170 € haben sich auf jeden Fall gelohnt. Im Laufe der Strecke treffe ich immer wieder auf den Nürnberger und auf andere europäische Wanderer. Einige Strecken laufe ich stunden- oder tagelang alleine, ohne eine Menschenseele anzutreffen. Währenddessen kommen meine Gedanken zwischen dem Mittelmeer und der ausgetrockneten Landschaft zur Ruhe. Manchmal begleiten mich Hunde über Kilometer hinweg. Ich rede mit ihnen und wenn sie mir ihre Köpfe entgegenstrecken, streichle ich sie.
Oft werde ich gefragt, warum ich mir diese Anstrengung antue. Mich fasziniert die Natur. Es ist überwältigend, wie die Lykier damals diesen harten Weg mit Karren und Tieren entlang marschiert sind. Die Monumente auf dem Weg lassen 3000 Jahre alte Geschichte in mir aufleben. Die Gasfreundschaft, die man auf Wanderwegen bekommt, ist unbezahlbar.
 
10 Kilometer im Kofferraum. Jeder Schritt, den ich bergab gehe, bereitet mir Schmerzen in meinen Knien. Die letzten 6 Kilometer bis Bel schaffe ich nicht mehr. Deshalb suche ich mir eine Unterkunft. Ich werde zum Tee eingeladen und habe 10 Minuten später einen Bungalow für 20 € pro Nacht mit Verpflegung. Nach einem ausgiebigen Mittagschlaf, laufe ich durch das Dorf und frage nach drei deutschen Wanderern. Die Dorfbewohner erzählten mir, dass sie hier gegessen hätten, aber bis Bel durchlaufen müssen, weil sie hier keine Unterkunft mehr bekommen haben.
Am nächsten Tag gehe ich früh los. Kurz nachdem ich das Dorf verlasse, hält ein Brotverkäufer an und fragt, ob ich nach Bel möchte. Der ältere Herr räumt Brotkisten zur Seite, um mir im Kofferraum Platz zu schaffen. Während er fährt, versucht er mir zu erklären, dass er Offizier sei und außerhalb seines Dienstes ehrenamtlich Brot ausfahre. Immer wenn er irgendwo anhält, muss ich ihm von hinten das Brot reichen. Als ich in Bel ankomme, sieht mich der Nürnberger vom Balkon und läuft aus dem Haus. Er lacht, weil ich noch im Kofferraum sitze und reicht mir die Hand zwischen den Sitzen. „Da hast du tatsächlich gecheatet.“ Ich grinse und krieche aus dem Auto. Wir unterhalten uns noch kurz. „Hast du das alte Paar aus London gesehen?“, frage ich. „Die mit den Ringelsöckchen?!“ Ich nicke. Dann fangen wir an zu lachen. Ich ziehe weiter, während er noch sein Frühstück genießt.
Auf dem Weg bekomme ich wieder eine der unzähligen Einladungen auf Tee und einen Pancake. Katzen, Ziegen und ein Hund gesellen sich zu mir. Kurze Zeit später treffe ich auf ein türkisches Paar, mit dem ich am vorigen Abend gegessen habe. Der junge Mann spricht gut Englisch und erzählte mir, dass er für drei Monate in Trier als Student war. Seine Freundin spricht nur Türkisch. Da mir die beiden zu langsam sind, beschließe ich, alleine weiterzuziehen.

Gerissene Händler. Der Strandpfad ist eine der anstrengendsten Etappen. Der nasse und weiche Sand zieht mich immer wieder etwas herunter. Die Stöcke packe ich irgendwann weg, weil es zu lästig wird, sie ständig aus der Tiefe zu ziehen. Im Wanderführer steht etwas von einer Brücke, die ich erst vergeblich suche, bis mir klar wird, dass es sich um ein Provisorium aus ein paar Holzlatten handelt. Unsicher überquere ich die Brücke. Unmittelbar daneben steht ein altes Holzboot, an dem ein Mann herumwerkelt. „The bridge doesn’t break“, ruft er mir lachend entgegen. „Call me Fishman“, sagt er, als ich unbeschadet die Brücke verlasse. Es dauert nicht lange und ich halte meine Tasse Tee in der Hand.
Den Strand verlasse ich nach einem 30-minütigen Gespräch mit „Fishman“ und seiner Frau. Mich wundert es, weshalb dieser Strand nicht benutzt wird. An einem Kiosk oder einem Etwas, das sich Kiosk nennen möchte, frage ich nach einer Flasche Wasser. Der junge Verkäufer im roten Hemd und zwei Silberketten um den Hals verlangt drei Lira für die Flasche. Ich ärgere mich, weil ich vergessen habe, Geld abzuheben. Nun muss ich mit Euro zahlen. Schwupps kostet die Flasche drei Euro. Das sind neun Lira. „Das ist Betrug“, schmeiße ich ihm an den Kopf. „Willst du Wasser trinken oder nicht?“
Wütend schmeiße ich das Geld auf die Tresen. „Idiot“, fluche ich. Es ist das dritte Mal, dass ich so über den Tisch gezogen werde. Auf dem Markt in Akbel musste ich für drei Äpfel zwei Lira zahlen, während Einheimische nur die Hälfte davon bezahlen.
An das alltägliche Feilschen habe ich mich gewöhnt. Viele Händler kommen mir entgegen. Schließlich sind die meisten Türken sehr gastfreundlich.

Zwischen Luxus und Natur. Natur hat ihren eigenen Style, der nie aus der Mode kommt. Deshalb hasse ich es schon fast, in größeren Städte anzukommen. Ich bleibe lieber in den Dörfern. Es ist günstig, freundlicher und einheimisch.
In Kaş angekommen höre ich schon beim Absteigen des Berges die lauten Autos, die vielen Hotels und die ganzen Urlauber. Ich bin schmutzig, habe meinen schweren Rucksack auf dem
Rücken und kann mich nicht freuen, endlich eine weitere Etappe geschafft zu haben.
Erst wird mir gesagt, ich hätte kein Zimmer im Hotel reserviert. – Trotz der Bestätigung, die ich in der Hand halte. Irgendwann bekomme ich dann ein Zimmer. Erschöpft und deprimiert sitze ich auf dem Bett. Ich will zurück in die Natur. „In der Natur fühlen wir uns so wohl, weil sie kein Urteil über uns hat“, waren mal Nietzsches Worte. Ich nicke innerlich. Mein Magen knurrt und mich zieht es auf den bunten Markt. Die vielen Stoffe und Kleider, die orientalisch duftenden Gewürze. Zu guter Letzt das Zischen des Fleisches auf den Grills. Am liebsten würde ich den ganzen Markt leer kaufen, aber mit acht Kilo Gepäck ist mein Rücken sehr ausgelastet.
 
Geschichte entdecken. Neben den Sarkophagen und den Festungsruinen der Lykier beeindruckt mich Demre bzw. Myra, der Bischofssitz des Nikolaus von Myra, und die sandfarbenen Felsengräber, die sich in die karge Landschaft schmiegen. Ich stelle mir vor, wie vor 3000 Jahren spärlich bekleidete Sklaven an den hohen Felsen hingen und Gräber in die Berge gemeißelt haben.
Als Geschichtsstudentin und ehemalige Studentin der Archäologie bin ich in meinem Element. Besucher laufen hier rein und raus. Der Kassenwart verkauft gelangweilt für satte 20 Lira Tickets. Ich opfere das Geld sehr gerne dafür. Ich hoffe, die Besucher wissen zu schätzen, was ihnen hier geboten wird. Myra ist bekannt als Wallfahrtsort der Orthodoxen. Zum anderen gehört Myra zu den größten Städten des damaligen Lykischen Bundes. 300 Jahre nach Christus war Myra kirchliche Hauptstadt der Provinz. Anfang des 9. Jahrhunderts plünderten die Seldschuken Myra. Bis heute können wir die Meisterwerke der Lykier betrachten: in Stein gehauene Gesichter, Muster und Gräben. Eine Epoche prallt auf eine andere Epoche. Die Faszination lässt mich nicht mehr los. Am Ende des Rundgangs kaufe ich mir ein Eis und genieße die historische Idylle.

Schüsse in der Nacht. Kilometerlange Holzkisten mit Bienen bedecken riesige Landstriche in den Bergen. Viele Familien leben von der Bienenzucht.
Eine der Etappen führt mich nach Saribelen zu Judith und Tim, einem britischen Paar, das in der Türkei lebt und eine Pension leitet. Auf ihrem Anwesen zähle ich sieben Hunde, elf Katzen und vier Hühner. Drei Paare, mit denen ich am Abend esse, sind ebenfalls in der Pension untergebracht. Ehrlich gesagt langweilen sie mich, weil sie nur von dem Strand und den Kaufhäusern in Kaş erzählen, die sie jeden Tag besuchen. Als mich einer aus Runde fragt, was ich hier mache, antworte ich ihm, dass ich den lykischen Weg laufe. Alle sehen mich verständnislos an. Bis auf Tim. Er klopft mir auf die Schulter: „If you think adventure is dangerous, try routine. It is lethal.“
Am darauffolgenden Tag drückt mir Judith ein Lunchpaket in die Hände. Bevor ich endgültig weiterziehen kann, bittet Tim mich, in das Gästebuch zu schreiben. Einer der Hunde begleitet mich noch ein ganzes Stück auf meinem steinigen Weg nach Gökçeören. „I think you should go home“, sage ich dem Hund und zeige mit dem Finger zurück. Ich kraule ihm noch das Ohr. Dann trennen sich unsere Wege.
In Gökçeören werde ich von einem Mann abgepasst, der mich fragt, ob ich eine Unterkunft suche. Ich nicke und er empfiehlt mir seine. Wir handeln einen Preis aus. Achtung! Einige Pensionsbesitzer halten es nicht für nötig, die Bettwäsche der vorigen Gäste zu wechseln. Ich beschließe, meine Isomatte und den Schlafsack aufs Bett zu legen. Die Decke wollte ich nicht aufschlagen. Wer weiß, was sich darunter alles befindet. Die Gastwirtin bereitet ein nettes Essen zu. Eine Stunde später liege ich eingekuschelt in meinem Schlafsack. Erst scheint alles ruhig. Auf einmal werde ich in der Nacht von lauten Schüssen geweckt. Der Boden vibriert. Ich sitze wie eine Eins im Bett.
Am nächsten Tag frage ich den Mann, was das für Schüsse heute waren.

„Vielleicht Jäger oder die Stromleitung.“
Ich genieße mein proteinhaltiges Frühstück. Anschließend mache ich mich auf den Weg. Die letzten fünf Etappen treffe ich keinen einzigen Wanderer. Kurz vor Cirali stoße ich auf einen Schotten, der mit Chucks den Lykischen Weg läuft. Ich schaue auf meine Wildlederschuhe und bin tatsächlich stolz auf das bequeme Schuhwerk.

Das Ende naht. Die beste Unterkunft ist in Cirali: direkt am Strand in einem Bungalow. Zwar sind hier viele Urlauber und ich bin die einzige Wanderin, aber das stört mich nicht. Mit mir sitzen vier Leute am Esstisch. Sie erzählen von dem traumhaften Strand und ich erzähle von der bunten Vielfalt, welche die Türkei mir geboten hat. Von den Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin und von dem zauberhaften Essen, das man nur in den Dörfern bekommt. Es betrübt mich, dass ich den ganzen Weg über nur auf so wenige Wanderer gestoßen bin. Sie hätten mir spannendere Geschichten erzählt, als die ganzen Urlauber, auf die ich bisher getroffen bin.
Der Strand von Cirali ist mit gelbem Sand bedeckt; vor dem Strand ist der Erdboden rötlich mit Pflanzen, die man nur aus sehr trockenen Gebieten kennt. Rechts und links am Horizont erstrecken sich die Berge. Den Blick geradeaus gerichtet sieht es so aus, als ob das Meer die untergehende Sonne küsst. Ich atme ein und lasse mir Zeit, auszuatmen. 450 Kilometer habe ich hinter mir gelassen. Nur noch zwei Tage bis ich in Antalya durch das Hadrianstor gehen kann. Irgendwie bin ich traurig, dass sich mein Weg dem Ende naht. Die Welt ist die schönste aller Sehenswürdigkeiten. Der Lykische Weg ist nur ein Bruchteil davon.

„Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel.“

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